GV Immergrün Rockenberg

Schlechte Menschen haben keine Lieder.

Hat Vivaldi das Stück für diesen Abend komponiert?

Endlich war sie da – die Vivaldi Zeit! Am 4. Advent lud der Gesangverein Immergrün zum festlichen Weihnachtskonzert ein und trug unter anderem das Gloria in D von Antonio Vivaldi vor. Wer noch eine Konzertkarte ergattert hatte, konnte sich glücklich schätzen, denn das Konzert war nahezu ausverkauft. Über 380 Zuhörer kuschelten sich in der kath. St. Gallus-Kirche in Rockenberg aneinander und lauschten andächtig, als der Cantico Verde, die junge gemischte Chorformation des Traditionsvereins, sein erstes Lied anstimmte. Mit „Adventi enek“ (von Zoltan Kodaly) schwebten die Stimmen engelsgleich über dem Altarraum der alten Kirche und eine erste Gänsehaut überlief das gespannte Publikum. Einen festlichen Empfang bot hingegen das darauf folgende „Machet die Tore weit“ von Andreas Hammerschmidt, das der gemischte Chor gemeinsam mit dem Cantico Verde sang.

Danach ergriff Kathrin Bauer das Wort; die Chorsprecherin des Cantico Verde begrüßte die Gäste und führte durch das Programm, indem sie an jeder Stelle die richtigen Worte fand. Insbesondere zum Leben und Wirken Vivaldis wusste sie interessante Informationen zu berichten.

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Klang der Instrumente boten Joachim Wagenhäuser an der Orgel und Florian Bayer, sowie Markus Arnold jeweils mit der Trompete. Sie hatten die volle Aufmerksamkeit des Publikums bei dem „ Concerto en ré pour deux trompettes“ von Francesco Manfredini.

In starkem wenn auch nicht weniger eindrucksvollem Kontrast zu dem durchdringenden Sound der Trompeten erklang nun Mendelssohn-Bartholdys „Hebe deine Augen auf“, gesungen von Rita Bayer, Juliane Müller und Anne Mohr. Den drei Frauen gelang es, das Publikum regelrecht zu verzaubern. Dieser Bann konnte nur von der lebhaften Vertonung des „Alleluja“ (von Dieterich Buxtehude) gebrochen werden. An dieser Stelle erklang der Cantico Verde zum ersten Mal an diesem Abend mit dem vollen Klang des Orchesters. Die Musiker stammen übrigens aus dem Rhein-Main-Gebiet und dem Raum Gießen und spielten an diesem Abend zum ersten Mal ein gemeinsames Konzert.

Anschließend gehörte die Bühne dem gemischten Chor und seiner Chorleiterin Rita Bayer. Wunderbar weihnachtlich erklang das „Wiegenlied der Hirten“ (Max Bruch) und „Die wunderbarste Zeit ist nah“ (John Rutter).

Um beim Thema Weihnachten zu bleiben, sang der Cantico Verde unter der Leitung von Monika Müller (geb. Bayer) “Jul, jul stralande jul”, “Baby what you goin to be” und “God rest ye merry gentlemen”. Begleitet wurde der Chor von dem Pianisten Joachim Wagenhäuser, mit dem der Cantico Verde bereits in der Vergangenheit erfolgreich zusammen gearbeitet hat.

Und dann war er endlich da, der Moment auf den alle gewartet haben, auf den über fünfzig Sängerinnen und Sänger seit Mai 2016 hingearbeitet haben, für den die beiden Chorleiterinnen ihr ganzes Können aufgeboten haben! Das Orchester spielte die ersten Takte des „Gloria“ und plötzlich konnte man sich förmlich in die Zeit um 1715 zurück versetzt fühlen. Es machte den Anschein, als habe Antonio Vivaldi das Gloria eigens für die barocke St.Gallus-Kirche in Rockenberg und für diesen besonderen Abend geschrieben. Als der Chor freudig zu singen begann, bekamen die Zuhörer die zweite Gänsehaut an diesem Abend. Vielleicht war es sogar ein Schauer der durch die Reihen der Kirchenbänke lief und dann waren alle mittendrin: die Sängerinnen und Sänger, das Orchester und auch das Publikum. Das Werk ist gegliedert in zwölf Teile, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Dennoch gelang es Monika Müller, den roten Faden durch die verschiedenen Stücke zu ziehen und alle Akteure mit sich zu reißen. Auf das freudige und bewegte „Gloria“ in Dur folgte das „Et in terra pax“ als ziemlicher Gegensatz ganz getragen und in Moll. Und spätestens beim dritten und wieder vor Freude und Erregung sprühenden Stück, dem „Laudamus Te“, also dem Duett von Rita Bayer und Juliane Müller, waren die Zuhörer ganz begeistert. Mit den folgenden Teilen griff Vivaldi immer wieder zu den verschiedenen Stilelementen seiner Zeit und der Chor meisterte schnelle Tonfolgen genauso wie wunderschöne, wenn auch manchmal ungewohnte oder sogar höchst dramatische Harmonien. Mit dem „Domine Deus“, der Sopran-Arie des Werkes, bot die Solistin Anika Frey dem Publikum nicht nur eine Reise in vergangene Zeiten, sondern auch in himmlische Sphären, die so manch einen zu Tränen rührte.  Den geerdeten Part der Alt-Arie übernahm Rita Bayer und konnte das Publikum mit der Souveränität einer erfahrenen Sängerin begeistern. Alle Solo-Parts wurden übrigens von ihr mit viel Feingefühl einstudiert.

Nach einem imposanten und kraftvollen „Cum sancto spiritu“ waren die Ohren und die Herzen des Publikums gefüllt mit positiver Energie, die hoffentlich noch einige Zeit anhalten wird. Die Sängerinnen und Sänger hatten spürbar und hörbar Spaß und viel Freude am Musizieren. Die Besucher des Konzerts belohnten die Akteure des Immergrün mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen. Zum Abschluss wurde traditionsgemäß das bekannte Weihnachtslied „O du fröhlich“ gemeinsam mit dem Publikum gesungen und danach entschwanden alle ergriffen in die neblige Winternacht.